Krankengeschichte
Chronik von Leonoras Erkrankung September 2000 â Juni 2001
UngefĂ€hr einen Monat nach Leonoras 19. Geburtstag verspĂŒrt sie erste Beschwerden: Schmerzen in den Beinen beim Stehen und Gehen. Leonora absolviert gerade in den Osterferien 2000 ein Pflegepraktikum an einer Chirurgischen Station am Krankenhaus Hall. Anfang Mai, nach Wiederbeginn des Sommersemesters, stellt ein Facharzt fĂŒr physikalische Medizin eine leichte Erkrankung des Ischiasnervs fest und verschreibt Gymnastik und einen Vitamin-B-Komplex. Die Schmerzen werden wieder besser, zeitweilig, z. B. wĂ€hrend des Irland-Aufenthalts, verschwinden sie völlig. Und, obwohl Leonora ein anstrengendes Studium mit Bravour absolviert, hat sie keine weiteren groĂen Beschwerden. In den Sommerferien im Juli in Portugal und Madeira leidet Leonora zeitweilig unter Kopfschmerzattacken, beginnt aber trotzdem nach ihrer RĂŒckkehr Anfang August mit nĂ€chtlichen Sitzwachen bei zum Teil terminal kranken Patienten im Krankenhaus Natters. Die Kopfschmerzen werden stĂ€rker, Leonora wird zunehmend blasser und dĂŒnner, die Beinschmerzen setzen wieder ein. Sie nimmt zusĂ€tzlich StĂ€rkungs- und auch Schmerzmittel, aber fĂŒhrt sonst ein normales Leben. Bei einem Aufenthalt in Wien Ende August werden die Kopfschmerzen unertrĂ€glich, an der MigrĂ€ne-Ambulanz am AKH Wien wird eine Neuritis der Kopfnerven diagnostiziert und Voltaren verordnet. Nach ihrer RĂŒckkehr Anfang September kann sich Leonora nur mehr mit MĂŒhe frei bewegen, Kopf- und Beinschmerzen kommen und gehen. Sie berichtet von beunruhigenden TrĂ€umen.
Am 8. September 2000 wird von der Internistin nach CT, Sonographie und Differentialblutbild ein vorlĂ€ufiger Befund erhoben: Leicht erhöhte Blutsenkung, mehrere vorangegangene virale Infekte (Zytomegalie, Herpes, Barr-Eppstein-Virus) plus v. a. psychogene Schmerzstörung. Sie verschreibt ein Antibiotikum, StĂ€rkungsmittel und ein muskelrelaxierendes Anxiolytikum und da sie, ebenso wie der Hausarzt, kurz vor Urlaubsantritt steht, empfiehlt sie, bei Weiterbestehen der Schmerzen nach Antibiotika-Einnahme, eine Aufnahme an der Neurologischen Ambulanz der Klinik Innsbruck, zur DurchfĂŒhrung einer eventuellen RĂŒckenmarkspunktion.
Am 11. und 12. September nehmen Leonoras Beschwerden wieder zu, am 13. September fahren wir (Leonora, Marco Conci und Leonoras Mutter) ins Krankenhaus Trient, wo auf Initiative von Herrn Prim. Dr. Pedrazzoli alles fĂŒr eine RĂŒckenmarkspunktion mit anschlieĂender stationĂ€rer internistischer Untersuchung vorbereitet wird, als Leonora sich plötzlich wieder beschwerdefrei fĂŒhlt und die Intervention daraufhin nicht durchgefĂŒhrt wird. Das klinische Bild ist zu diffus und unauffĂ€llig fĂŒr Internisten und Neurologin. Am nĂ€chsten Tag in Innsbruck sind Leonoras Schmerzen wieder da und sie wird von ihrer Mutter als Simulantin beszeichnet. Da sie sich selbst fĂŒr neurotisch hĂ€lt, bĂ€ckt sie einen Kuchen, um sich fĂŒr das â wie es scheint unnötige â Drama zu entschuldigen.
Am Samstag , den 16. September geht Leonora mit starken Beinschmerzen in die Neurologische Ambulanz der Klinik Innsbruck und wird abgewiesen: der nĂ€chste verfĂŒgbare Termin sei der 2. Oktober. In der darauf folgenden Nacht ruft sie den Notarzt, welcher telefonisch die Einnahme von Magnesium empfiehlt. Ein namhafter deutscher Psychoanalytiker, dem Leonoras âFallâ in einer Gruppen-Supervision vorgetragen wird, befindet am 17. 9. ferndiagnostisch auf adoleszente Krise aufgrund einer neuen Partnerschaft der Mutter. Er empfiehlt, die Angelegenheit so weit wie möglich zu ignorieren, eine psychogene Gangstörung sei die wahrscheinlichste Diagnose â ich fĂŒrchtete nĂ€mlich eine GehirnhautentzĂŒndung, an der ihre portugiesische Tante gestorben war. Am 18. 9. kommt Leonoras lang erwartete ehemalige Gastfamilie aus Australien an, Leonora fĂ€hrt mit dem Auto, putzt mit einer Freundin das Haus, kauft ein, schleppt die EinkĂ€ufe die Stufen hoch und kocht, unter starken Beinschmerzen, ein Essen fĂŒr sechs Personen. Durch die Platzknappheit sind Leonora und ihre Mutter erstmals seit Monaten wieder im gleichen Zimmer: Nach einer schrecklichen, durchwachten Nacht erkenne ich, dass Leonora schwer krank ist und beschlieĂe zu handeln. Obwohl auch die australischen Gasteltern â der Vater ist selbst Arzt â den Verdacht auf psychogene Schmerzstörung Ă€uĂern, spricht am 19. 9. nach einer telefonischen Konsultation bei Dr. Kantner-Rumpelmaier von der Schmerz-Ambulanz der Klinik Innsbruck dieser das erlösende Wort: Eine stationĂ€re Aufnahme an der Neurologischen Station sei unumgĂ€nglich, bevor eine Verdachtsdiagnose auf Somatisierungstörung u. a. gestellt werden könne. OA Dr. Oberbauer, stationsfĂŒhrender Arzt der Psychiatrie-Sonderstation, bot seine Hilfe an: Leonora könnte auf seiner Station alle nötigen neurologischen Untersuchungen durchfĂŒhren lassen, insbesondere die nunmehr dringlich erscheinende RĂŒckenmarkspunktion. Am gleichen Tag, dem 19. 9. 2000, wird also Leonora auf der Psychiatrischen Sonderstation aufgenommen, begleitet von der australischen Gastfamilie Dr. Barnett und ihrer Mutter. Sie hat eine Reihe von aufwendigen Untersuchungen zu absolvieren, bis am 20. 9. nachmittags die vorlĂ€ufige Bagatell-Diagnose â verschleppte Sommerangina, verursacht durch hĂ€molytische Streptokokken â mitgeteilt wird. Leonora, trotz schlimmer Kopf- und Gliederschmerzen hocherfreut, bereitet sich auf die baldige Entlassung vor.
Als ich eine Viertelstunde spĂ€ter die Klinik verlassen will, ruft mich Dr. Oberbauer zurĂŒck. Einige Minuten danach erfĂ€hrt Leonora, dass sie wahrscheinlich LeukĂ€mie, Blutkrebs, hat.
Am nĂ€chsten Morgen wird sie an die HĂ€mato-Onkologische Ambulanz ĂŒberstellt, die Knochenmarkspunktion ergibt bei einer punctio sicca, dass sie an einer akuten Knochenmarks-LeukĂ€mie leidet, und de facto kein gesundes Knochenmark mehr vorhanden ist. Am Freitag, 22. September, wird sie an die Isolierstation der HĂ€matologie I an der Klinik Innsbruck ĂŒbernommen. OA Dr. Gunsilius ĂŒbernimmt die genaue Diagnosemitteilung: wurde ursprĂŒnglich noch von einer ALL â einer akuten lymphatischen LeukĂ€mie â gesprochen, so erhĂ€rtete sich nunmehr der Verdacht einer AML â M1, einer akuten myeloischen LeukĂ€mie mit geringgradiger Zelldifferenzierung, welche eine wesentlich ungĂŒnstigere Prognose aufweist. Leonora, obwohl geschockt und von schlimmen Schmerzen geplagt â nach der RĂŒckenmarkspunktion wurde sie irrtĂŒmlich aufrecht ins Thorax-Röntgen gestellt, was zu weiteren furchtbaren Kopfschmerzen fĂŒhrte â interessiert sich fĂŒr die wissenschaftliche Seite ihres Probelms, hatte sie doch gerade im Sommersemester 2000 von Translokationen und genetischen Aberrationen gelernt.
Im Zimmer 7 der Isolerstation an der HĂ€matologie entfaltet sich nun eine lebhafte AktivitĂ€t, zusĂ€tzlich zu den die Chemotherapie vorbereitenden Massnahmen. Viele Freunde kommen und zeigen ihre UnterstĂŒtzung, der Verwaltungsdirektor regelmĂ€ssig und auch der Ă€rztliche Direktor bekunden den behandelnden Professoren Gastl und Petzer gegenĂŒber ihr Interesse an der neuen Patientin. Das Zimmer fĂŒllt sich mit Fotos einer Himalaya-Expedition, mit anderen Bildern und unterstĂŒtzenden Objekten bzw. Amuletten. Viele Familienangehörige und FreundInnen aus dem In- und Ausland melden sich telefonisch und schriftlich bei ihr selbst, bzw. bei ihrer Mutter, diese wird in den ersten Tagen von den Freunden wie von einer guten Familie gestĂŒtzt.
Die aus Amerika zurĂŒckgekehrte Internistin Dr. Defregger engagiert sich sofort, italienische Ărztinnen, Dr. Villotti und Dr. Lona aus Trient, schalten sich ein, ebenso Prof. Schmalzl vom Krankenhaus Hall, der die Mutter, die noch die letzten 10 Tage ihrer TĂ€tigkeit als psychoonkologische Therapeutin im Krankenhaus absolviert, offen ĂŒber Risken und voraussichtliche Prognose einer chemotherapeutischen Behandlung aufklĂ€rt. Angesichtes der Schwere der Erkrankung sei eine Palliativbehandlung anstelle der hochaggressiven Chemotherapie ein sicheres Todesurteil innerhalb kĂŒrzester Zeit. Andere konsultierte Ărzte und die eilends studiere Fachliteratur bestĂ€tigen das Verdikt. Dr. Barnett, gerade aus dem Washingtoner GynĂ€kologen-Kongress im September 2000 zurĂŒckgekehrter Frauenarzt, diskutiert die Möglichkeit, Ovarialgewebe vor Beginn der Chemotherapie operativ zu entfernen, um die Fruchtbarkeit zu erhalten, Dr. Waitz-Penz und Prof. Mocayo beraten mit den HĂ€matologen im Vorfeld der Chemotherapie unterstĂŒtzende hormonelle Massnahmen, eine Operation wird zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt ausgeschlossen. Bei Diagnosemitteilung am 22. 9. 2000 hatte der Oberarzt Leonora und ihrer Mutter noch lapidar erklĂ€rt: âDie Eierstöcke sind sowieso voller Krebszellen, und, seien wir uns mal ehrlich, was hat denn so ein Kind von einer Mutter, die nach zwei Jahren stirbt?â
Am 25. 9. erstellen wir eine Liste aller Freunde und Familienangehörigen, die zu bestimmten Tagen Leonora besuchen und unterstĂŒtzen wollen, fĂŒr die Dauer ihrer Erkrankung. Vorbild ist ein Buch âShare the Careâ, das aus der Krebserkrankung einer ehemaligen Freundin aus New York entstanden ist. Leonora erhĂ€lt weiter Antibiotika und Schmerzmittel, sie will ihre Haare abschneiden lassen, damit sie daraus eine PerĂŒcke anfertigen lassen kann, ein Verwandter ĂŒbernimmt die Kosten. Sie ist völlig gefasst und weint, wenn ĂŒberhaupt, kaum in Gegenwart ihrer Besucher, um deren GefĂŒhle zu schonen. Eine psychoonkologische und psychosoziale BegleitmaĂnahme wird organisiert (Frau Oberhauser und Frau Schiessling). Montag, den 25. September erscheint zuerst ein tibetanischer Mönch aus einem Vorarlberger Kloster, danach kommt die Friseurin, und Leonoras lange blonde Haare werden geschnitten.
Am 26. 9. wird unter LokalanĂ€sthesie ein zentraler Venenkatheter gelegt, viele Untersuchungen folgen noch, die abgesehen von der Grunderkrankung keine besondere pathologischen Werte zeigen. Die Chemotherapie soll nach dem sog. Standardverfahren durchgefĂŒhrt werden. Zwei Induktionstherapien mit Alexan, Etoposid und Daunorubicin, eine Konsolidierungstherapie mit Alexan und eine Erhaltungstherapie mit Hochdosis-Zyklophosphamid und Busulfan. Die Chemotherapien sollen die Krebszellen im Blut vernichten, die weiĂen Blutkörperchen werden im Laufe der Therapien jeweils auf null absinken und Leonora wird somit ĂŒber keinerlei natĂŒrliches Immunsystem mehr verfĂŒgen. Viren, Bakterien und Pilze können ihren Organismus ĂŒberfluten, sie kann an begleitenden Infektionen sterben. Da sie keine Vollgeschwister hat, wird eine weltweite Suche nach einem Knochenmarksspender ausserdem vorgesehen.
Am 27. 9. beginnt die Chemotherapie. Leonora liegt im Zimmer 7, spĂ€ter in anderen Zimmern, 24 Stunden tĂ€glich an einem InfusionsstĂ€nder mit bis zu fĂŒnf verschiedenen Substanzen, die in ihren am Herzen ansetzenden Venenkatheter fĂŒhren, 10 Tage dauert die erste Chemo. Sie erhĂ€lt zusĂ€tzlich Ciproxin, Amphomoronal, Amphotericin B, sowie Paspertin, Navoban und Largactil. Sie muss die FlĂŒssigkeitsausfuhr messen, prophylaktische Mundhygiene betreiben, inhalieren, cremen, AtemĂŒbungen machen. Sie wird rund um die Uhr versorgt, infundiert, gepflegt, ĂŒberwacht. Sie ist unglaublich tapfer und klagt nicht. Das routinemĂ€Ăig verordnete Temesta lĂ€sst sie sofort absetzen, sie steht die gesamte fast neun Monate dauernde Behandlung ohne jegliche psychopharmakologische Begleittherapie durch, auch auf Einschlafhilfen verzichtet sie. In der Nacht vom 28. 9. auf 29. 9., rund eine Woche nach Diagnosemitteilung, wacht sie mit schrecklichen RĂŒckenschmerzen auf und wird liegend notfallsmĂ€Ăig um 5h frĂŒh ins Röntgen und CT gebracht: Sie hat im Schlaf einen Bandscheibenvorfall gehabt, es besteht ein Verdacht auf BlasenlĂ€hmung und eventuell eine durch die LeukĂ€mie verursachte Infiltration des RĂŒckenmarks. Alles deutet auf eine Notoperation hin â nach 2 Tagen Chemotherapie und im Zustand einer hochakuten Erkrankung!
Am 29. 9. Nachmittag befundet Prof. Jaschke, Vorstand der Radiologie I, die Bilder neu und einen zusĂ€tzlich erhobenen MR-Film: Um 16 h erfolgt dann die erlösende Meldung: Operation nicht nötig, es sind auch keine Abszesse oder leukĂ€mische Infiltrate sichtbar. âNurâ ein kompletter Diskusprolaps, der aber mit physikalischen und medikamentösen MaĂnahmen stabilisiert werden kann! In der Folge neuerliche, diesmal proktologische Komplikationen mit stĂ€ndigen Schmerzen, fast unstillbaren Blutungen und Verdauungsbeschwerden, ihre Leukozyten sinken, es beginnt das Fieber, verursacht durch eine Staphylokokken-Infektion. Ausserdem leidet Leonora an einer Virus-Ăberschwemmung. Sie erhĂ€lt eine breite Antibiotika-Therapie mit Fortum, Vancomycin und Certomycin, ausserdem Zovirax-Infusionen. Die sogenannte âAplasieâ â die Phase der kompletten Isolierung mit strikter DiĂ€tvorschrift um eine weitere Pilzinfektion zu vermeiden, dauert bis zum 20. Oktober: Jeder eintretende Besucher, ob Personal oder Privatperson, muss Gesichtsmaske tragen, sich die HĂ€nde desinfizieren und sich bei Infektionen fernhalten.
Langsam verĂ€ndert sich Leonoras Aussehen, ihre Haut wird trocken, ihr Gesichtsausdruck verliert seine normale Weichheit, wirkt verĂ€ngstigt und gezeichnet. Da sie 24 Stunden tĂ€glich infundiert wird und auch nachts alle zwei Stunden aufstehen muss, um die FlĂŒssigkeitsausfuhr zu messen, ist sie oft sehr erschöpft und schlĂ€ft viel. Sie kann nicht lesen und kaum fernsehen.
Am 2. Oktober war Leonoras Vater aus Lissabon gekommen, er bleibt bis Ende November in Innsbruck und verbringt viele Stunden tĂ€glich bei ihr. Die Zahl der anderen Besucher muss eingeschrĂ€nkt werden, Leonora will nur mehr ihren engsten Kreis sehen. Nach der ersten Oktoberwoche werden ein chinesisch-tibetanischer Arzt in Deutschland, eine TCM-Einrichtung in einer saarlĂ€ndischen RHA-Klinik, eine tibetische Ărztin in Indien und tibetische Mönche in der Schweiz eingeschaltet, es wird eine supportive Begleittherapie durchgefĂŒhrt. Die Internistin und die Psychoonkologin der Klinik ĂŒben Visualisierungstechniken mit Leonora, um ihr schwaches Abwehrsystem zu stĂ€rken. Leonoras ehemalige buddhistische Religionsgruppe und ihr Maturalehrer, Prof. Schromm, beten und meditieren fĂŒr sie, auch Mönche des Klosters Letzehof, ebenso wie eine Meditationsgruppe eines MĂŒnchner Psychoanalytikers und viele FreundInnen aus dem nĂ€heren und fernem Umkreis. Als sich eine krankhafte VerĂ€nderung der Leber als Nebenwirkung der Chemotherapie einstellt, wird sie regelmĂ€Ăig radiologisch ĂŒberwacht. Eine VergröĂerung und therapieresistene SchĂ€digung der Leber wird festgestellt.
Am 24. Oktober wird sie nach fĂŒnf Wochen Klinikaufenthalt erstmals entlassen. Leonora ist sehr schwach und bewegt sich mit Anstrengung, ihre Beinmuskulatur ist leicht atrophiert. Aber sie kann wieder normal essen, das bedeutet ihr viel. Sie trifft ihre Freunde, geht zu ihrer Tante, besucht mit ihrem Vater die Familie ihre Freundes, erfreut sich an der Natur, lĂ€sst sich von ihrer Mutter viel im Auto herumfahren und geniesst, so gut es geht, Natur und Freiheit.
Am 2. November soll sie wieder zurĂŒck in die Klinik. Ihre erste Knochenmarkspunktion nach der Chemo ergibt eine Reduktion von 100% Blasten auf 8 %, also eine partielle Remission. Die Werte unterhalb der 5%-Grenze gelten als tolerabel.
Am 6. November wird eine Leberbiopsie durchgefĂŒhrt, die Leonora mit schlimmen Schmerzen und einem kleinen inneren HĂ€matom erdulden muss, noch Tage danach kann sie sich kaum rĂŒhren, von da an bis weit in den Monat JĂ€nner hinein kann sie sich nicht völlig aufrichten, teilweise bewegt sie sich, an ihrem InfusionsstĂ€nder hĂ€ngend, nur mit zu einem rechten Winkel gebeugten RĂŒcken. Die zweite Chemotherapie, von deren Erfolg nunmehr die gesamte Ăberlebensprognose abhĂ€ngt, gestaltet sich zur Tortur: Einerseits nimmt die LeberschĂ€digung galoppierende AusmaĂe an, auch Milz und Niere sind geschĂ€digt, andererseits zeichnet sich nunmehr erstmals eine PersönlichkeitsverĂ€nderung ab, Leonora scheint von einem schweren endopsychischen Durchgangssyndrom geschĂŒttelt. In Gegenwart ihrer Mutter erlebt sie mehrerer Male pseudo-epileptoide AnfĂ€lle, die aber folgenlos vorĂŒbergehen und sie stabilisiert sich wieder. Leonoras Haut wird danach von einem rötlichen Exanthem gezeichnet, danach tritt ein akuter Ikterus ein und Leonora wird, z.T. aufgeschwemmt durch die Cortison-Gaben, am ganzen Körper und insbesondere im Gesicht, völlig gelb. Auch die Blutungsneigung beginnt wieder, ihre Haut trocknet aus, die strikten DiĂ€tvorschriften und die EkelgefĂŒhle der Chemotherapie fĂŒhren zu einer permanenten Appetitlosigkeit, Leonora erbricht stĂ€ndig schwallartig dunkle FlĂŒssigkeiten. Die antimykotische Therapie â vermutlich besteht bei der Leber- und MilzschĂ€digung eine invasive Pilzinfektion â ist von SchĂŒttelfrost begleitet, Leonora fĂ€llt bei der Morgentoilette mehrmals in der Dusche in Ohnmacht, stösst sich den Kopf und Körper an und wird zusehends schwĂ€cher. Das Fieber steigt und fĂ€llt, die EntzĂŒndungsparameter sind erschreckend hoch. Ihr ist, zusĂ€tzlich zu ihrem schrecklichen Leiden, auch jede Minute bewusst, in welchem lebensbedrohlichen Zustand sie sich befindet. Weder verleugnet und bagatellisiert sie die Gefahr, noch klagt und jammert sie. Sie kann an der LeukĂ€mie sterben, an der Chemotherapie, an den Nebenwirkungen der Anti-Pilztherapie, an Leber- oder an multiplem Organversagen. Sie macht einfach weiter, bleibt freundlich und höflich. Eine Harnwegsinfektion quĂ€lt sie, Ăbelkeit , Bauch- und Kopfschmerzen. Aber dann wird fĂŒr drei Wochen alles in den Schatten gestellt durch eine katastrophale SchĂ€digung der inneren SchleimhĂ€ute, insbesondere der Mund- und Speiseröhrenschleimhaut: Ihre Mucositis fĂŒhrt dazu, dass sie 20 Tage lang weder essen noch trinken kann, obwohl sie hungrig und durstig wĂ€re.
Das gesamte Pflegepersonal, allen voran Schwester Helene, bemĂŒhen sich rĂŒhrend um sie, versuchen das Unmögliche, um ihr wenigstens Ananas-EisstĂŒcke zu lutschen zu geben. Leonora braucht drei Wochen lang Vendal, ein starkes Opiat, an der Dauerschmerzpumpe, um ihre Schmerzen ertragen zu können: Gleichzeitig darf sie sich nicht zu hoch dosieren. Die Gefahr einer AbhĂ€ngigkeit spielt zwar keine Rolle, aber eine zu groĂe Sedierung mit einem MophiumprĂ€parat wĂŒrde aufgrund der stĂ€ndig liegenden Lebensweise die Gefahr einer Atemsupression und damit einer LungenentzĂŒndung erhöhen. So dĂ€mmert Leonora vor sich hin, immer wieder unterbrochen von Schmerzattacken, sie leidet zeitweilig auch an Amnesien und Konzentrationsstörungen. Ihre Beine sind geschwollen, sie kann kaum stehen. Die Physiotherapeutin kommt tĂ€glich, massiert sie und atmet mit ihr. Das Einhalten der Mund- und Hauthygiene wird ebenso ĂŒberlebenswichtig wie die Atemgymnastik und die Stimulierung der Körperperipherie, um dem Verlust der Körperwahrnehmung entgegenzuwirken.
Die tĂ€gliche Visite mit Prof. Petzer, OA Dr. Gunsilius, den AssistenzĂ€rzten Dr. Sudmeier und Dr. Spizzo, insbesondere die Chefvisite von Prof. Gastl am Mittwoch, gestaltet sich zu einer wissenschaftlichen und menschlichen Herausforderung an die behandelnden Ărzte, die sich mit KollegInnen aus dem In- und Ausland beraten. Eine vorĂŒbergehend diagnostizierte Pneumonie erweist sich als Fehldiagnose, dennoch hustet Leonora und verspĂŒrt Stiche in der Brust. Aszites (Wasseransammlungen im Bauchraum) steigen auf, ihr Körpergewicht schwankt aufgrund der zusĂ€tzlichen Wassereinlagerungen im Gewebe stĂ€ndig, Es wird alles versucht und getan, was Leonoras Leiden lindern kann, dennoch scheint die Aussicht auf Besserung gering, die Nebenwirkungen der Chemotherapie mĂŒssen in Kauf genommen werden, sonst hat sie keine ChanceâŠ
Endlich, nach fast zwei Monaten, kann sie ĂŒber die Weihnachtsfeiertage entlassen werden, die Aufnahme zur dritten Chemotherapie ist fĂŒr den 2. JĂ€nner geplant. Mittlerweile wurden ihre Eltern, ihre Halbgeschwister, ihre Tante und ihre beiden kleinen Cousins auf die Möglichkeit einer Knochenmarkspende hin getestet: Ohne Erfolg, wir hoffen weiter auf eine Fremdspenderin. Weihnachten verbringt Leonora allein mit ihrer Mutter am Achensee, das war ihr Wunsch. Sie kann zwar wieder essen und trinken, aber nach einer zweiten Leberbiopsie, und vielen anderen schmerzhaften Untersuchungen, kann sie nicht aufrecht stehen und geht langsam, schmerzgepeinigt. Auch die vielen Medikamente, die sie weiter nehmen muss, schaden zusĂ€tzlich ihrem Allgemeinbefinden. Linderung bringen ihr ihre Freunde, ihre Familie und vor allem, ihr eigener starker Wille, der manchmal unterstĂŒtzt wird durch eine alterstypische UnbekĂŒmmertheit und Sturheit. Am ersten Tag ihrer Entlassung, dem 22. Dezember, besuchen wir die Cafeteria im Schloss Ambras, wo wir 9 Monate zuvor ihren 19. Geburtstag gefeiert hatten, abends schauen wir die JosĂ©-Carreras-Gala im Fernsehen und hören erstmals gemeinsam von den von seiner Stiftung finanzierten Forschungs- und Transplantationseinrichtungen. Leonora muss jede Nacht mehrmals aufstehen, erbricht sich, krĂŒmmt sich in Schmerzen, kann die FĂŒĂe beim Gehen kaum vom Boden heben. Zwischendurch freut sie sich ĂŒber den Besuch ihrer Freunde aus dem Studium, aus der Schulzeit, ĂŒber ihre Verwandten und den persönlichen oder elektronischen Kontakt mit anderen Personen aus dem professionellen und privaten Freundeskreis von Ăsterreich, Portugal, nach Italien, Deutschland, Australien, den USA, bis nach Indien zu einer tibetischen Exilgemeinde in Kerala. Auch der Kontakt mit der Natur tut ihr gut, sie darf aber keinen Tieren nahe kommen, was sie sehr bedauert.
Am 27. Dezember löst eine Klangschalenmassage eine weitere Krise aus, Leonora erbricht schwallartig GallenflĂŒssigkeit, Prof. Schmalzl nimmt sie an der Internistischen Sonderstation des Krankenhauses Hall auf, konferiert mit den Kollegen von der Klinik. Es besteht zusĂ€tzlich noch der Verdacht auf eine GallenblasenentzĂŒndung, es besteht ein subhepatischer Erguss. Ihr Zustand stabilisiert sich wieder, noch kennen wir aber nicht das Ergebnis der letzten Knochenmarksspunktion, endlich kommt es: Die zweite, so entsetzliche Chemotherapie, hat eine komplette Remission der LeukĂ€mie verursacht, die LeukĂ€mie ist â for the time being â besiegt. Auf Silvester hin wird sie entlassen, feiert mit anderen bei ihrer Freundin Christine, die sie seit Beginn der Erkrankung rĂŒhrend betreut hat, die genauso wie ihre Kusine Lisa und ihre Freundin Lilli, immer wieder das Bett mit ihr geteilt hat, um ihr das GefĂŒhl der Zugehörigkeit zu geben.
Am 2. JĂ€nner 2001, als Leonora dann wieder an die HĂ€matologie kommen soll â der sie nunmehr direkt betreuende Arzt ist Dr. Spizzo aus Luxemburg â erfĂ€hrt sie eine neuen Hiobsbotschaft: die LeberschĂ€digung ist so weit fortgeschritten, dass eine dritte Chemotherapie â dies wĂ€re eine weiter lebertoxische Konsolidierungstherapie â vorderhand nicht riskiert werden kann. Ein Knochenmarkspender ist nicht in Sicht, die LeukĂ€mie kann jederzeit wiederkommen, in einigen Wochen oder Monaten. Sollte ein Rezidiv im Intervall zwischen der 2. und der 3. Chemotherapie auftreten, sind Leonoras Heilungsschancen Ă€uĂerst gering.
Leonoras Leben und alle, die darum kÀmpfen, befinden sich in einem Wettlauf gegen die Zeit.
Leonora ist nun zu Hause und wird tĂ€glich an die HĂ€matologische Ambulanz gebracht zur antimykotischen Infusionstherapie, auĂerdem erhĂ€lt sie Kalium und ein Antibiotikum. TĂ€glich wird ein Blutbild erhoben, die Armvenen sind schon völlig zerstochen, da die Subclavia wieder entfernt worden war. Ultraschall und CT ergeben aber immer wieder dasselbe Bild: Riesige sich ausbreitende Herde auf Leber und Milz, die offensichtlich auch lange nach Beendigung der 2. Chemotherapie noch jeglicher Behandlung trotzen.
Mehrere, ambulant durchgefĂŒhrte Leberbiopsien â der untersuchende Arzt stöĂt in LokalanĂ€sthesie direkt durch die Bauchdecke, um Gewebe aus der Leber zu entnehmen, wovor sich Leonora sehr fĂŒrchtet â fĂŒhren zu keinem Ergebnis: Obwohl sich die Herde in den CT-Bildern deutlich abzeichnen, ist ihre Beschaffenheit im Biopsat nicht erkennbar, wodurch auch die gefĂ€hrlich starke antimykotische Therapie möglicherweise nur Nebenwirkungen, aber keine Wirkungen produziert. Immer wieder wird Leonora ein neuer Aufnahmetermin mitgeteilt, bereitet sie sich innerlich auf die nĂ€chste Tour de Force vor, immer wieder wird sie nach Hause geschickt, weil ihre Leber zu kaputt ist, um eine neue Chemotherapie zu vertagen. Etwa folgendermaĂen lauten die Arztberichte, die regelmĂ€Ăig nach ein bis zwei Tagen Aufenthalt an der HĂ€matologie erstellt werden: Diagnose: c AML-M1, CD 19/CD 22(+), unauff. Karyogramm, ED 10/00, Z.n.Ind I (DCE), – PR; Ind II (DCE) â CR. Aktuelle: CR, Leber/Milzherde mit V. a Aspergillose HWI 2.) Z. n. renaler Retention 3.) Z. n. tox. Leberdystrophie
Da wir nun auf das Ende des Wintersemesters zugehen â JĂ€nner bis Mitte Februar, unternehmen wir organisatorische Akrobatenakte, um alles unter einen Hut zu bringen: Leonora begleitet ihre Mutter nach ihrem tĂ€glichen Kliniktermin in die Praxis nach Hall und an die UniversitĂ€t nach SĂŒdtirol. Sie fĂ€hrt viel mit dem Taxi, wird auch von ihren Studienkollegen herumkutschiert und ĂŒber das Studium auf dem Laufenden gehalten. Die Tarockgruppe wird wieder aktiviert. Leonora wird oft bei ihren FreundInnen aufgenommen, verbringt manchmal auch die Nacht bei ihnen. Ein kurzes Wochenende verbringen wir am Gardasee und in Trient, um Sonne und WĂ€rme zu tanken. Da Leonora in der Klinik schon seit Oktober eine eigene E-Mail-Adresse zugeteilt wurde, schreibt sie ihren Mail-Partnern in der ganzen Welt, insbesondere ihren australischen FreundInnen und ihrer Gastfamilie. Sie schreibt und telefoniert auch viel mit ihren Geschwistern in Portugal und mit ihrem tibetischen Patenbruder in Indien. Ihr Vater ruft zweimal tĂ€glich aus Lissabon an, viele Bekannte und Freunde aus dem In- und Ausland melden sich immer wieder via E-Mail und Telefon. Ein groĂes UnterstĂŒtzungsnetz hat sich gebildet. Ihre Haare beginnen wieder zu wachsen, Leonora geht zunehmends ohne PerĂŒcke aus.
Trotz der tĂ€glichen CanossagĂ€nge an die Klinik erwachen ihre Lebensgeister wieder, sie will ausgehen, tanzen und eine junge Frau sein. Am 20. JĂ€nner besucht sie erstmals wieder mit Clemens, einem Medizinerfreund, und uns eine Premiere das Tiroler Landestheaters, am 9. Februar taucht sie im Abendkleid und mit lila gefĂ€rbten Kurz-Haaren am Maturaball ihrer ehemaligen Schule auf und am 11. Februar sieht sie Schnitzlers âReigenâ in einer deftigen Inszenierung im Haller LobkowitzgebĂ€ude. Die Leber-Befunde sind noch immer vernichtend, ein Beginn der 3. Chemotherapie ist nicht in Sicht, Leonora soll einen operativen diagnostischen Eingriff an der Leber haben, als wir uns zum Einholen einer second opinion entschlieĂen: Am 21. Februar, kurz nach der Beendigung der letzten Infusion fahren wir mit Laborbefunden, Arztbriefen und vielen CT-Bildern â das letzte CT-Bild, das weiter ausgedehnte Leber- und Milzherde zeigt, stammt vom 19. 2. â seit Krankheitsbeginn ausgerĂŒstet, ans JosĂ©-Carreras-Zentrum im Klinikum GroĂhadern in MĂŒnchen. Dort hat Leonora die Gelegenheit, die verschiedenen Forschungseinrichtungen zu besichtigen, PD Doz. Dr. Dr. Haferlach (er ist Mediziner und Germanist, ein international renommierter deutscher LeukĂ€mieforscher) bestĂ€tigt die Innsbrucker Verdachtsdiagnose aufgrund der ihm vorliegenden Materialien und auch das bisher durchgefĂŒhrte Procedere. Er bezeichnet Leonoras Risiko als âintermediĂ€râ, falls, wie er auch glaubt, die Leberherde wirklich durch einen Pilzbefall verursacht worden sind. Das Forschungslabor erweckt Leonoras gröĂtes Interesse, sie will spĂ€ter auch einmal hĂ€matologische Grundlagenforscherin werden, sie diskutiert âvon gleich zu gleichâ mit dem Mann, er fachsimpelt mit ihr und zeigt uns die beeindruckenden Einrichtungen des Zentrums, insbesondere mit Wissen aus dem Gebiet der embryonalen Stammzellenforschung stattet er uns aus. TodmĂŒde, aber mit deutlich gehobenen Lebensgeistern fahren wir am gleichen Tag zurĂŒck, da Leonora am nĂ€chsten Morgen, dem 22. 2. 2001 an der Transplantationseinrichtung der Innsbrucker Chirurgie aufgenommen wird. Es soll eine offene Leberbiopsie durchgefĂŒhrt werden, dies war das Ergebnis eines internistisch-hepatologischen Konzils zwischen den Professoren Gastl, Vogel und einem extern zugezogenen deutschen Kollegen. Voruntersuchungen folgen, Prof. Petzer hat auch die operative Implantation eines Hickman-Katheters angeregt, damit Leonora durch das stĂ€ndige Stechen nicht noch zusĂ€tzlich zermĂŒrbt wird.
Am 23. Februar morgens, nur knapp 36 Stunden nach unserem MĂŒnchner Intermezzo wird Leonora von Prof. Margreiter, der sie an seiner Station aufgenommen hat, operiert. Sie ist vorher ruhig und gefasst, plaudert mit den Schwestern und Pflegern. Erst nach drei Stunden ist die Operation beendet: Margreiter kommt schnaubend aus dem OP, tritt auf die drauĂen wartende Mutter zu und schimpft: âDa war ja alles thrombosiert, alles thrombosiert, den Hickman hĂ€tt i fast nicht einigebrachtâŠâ und erklĂ€rt mir dann, wie kompliziert und fast aussichtslos die vorgesehene Implantierung des Katheters in die Vena subclavia gewesen war, wie er sich âabgemurkstâ hatte, die Leitung zu legen. Nach einer Weile gespannten Wartens erkundige ich mich nach der Leber und er sagt bloss lapidar, âdie Leber hat nixâ. Eine Ărztin vom Institut fĂŒr Hygiene hat das Biopsat noch wĂ€hrend des Eingriffs abgeholt und ins Labor zur weiteren Untersuchung gebracht, aber er, Margreiter, sei sich sicher, schon makroskopisch eine entlastende Diagnose abgeben zu können. Leonora bleibt noch fast den ganzen Tag im Aufwachraum, ein kurzer Besuch wird gestattet. Ihr geschundener Körper trĂ€gt nun auch ein 10 cm groĂe Wunde an der rechten Seite, und eine Ein- und Austrittsstelle des Hickman-Katheters von der Schulter, unterhalb ihres âFettgewebesâ zum linken Oberbauch, mit drei SchlĂ€uchen, die fĂŒr die Aufnahme der nĂ€chsten Infusionen bereit sind. Sie hat die Narkose, die aufgrund der venösen Thrombosierungen dreimal so lang wie ursprĂŒnglich vorgesehen war, gut ĂŒberstanden und hat nicht zu viele Schmerzen. Am nĂ€chsten Tag, Samstag 24. 2. stellt sich bei einem GesprĂ€ch mit Prof. Margreiter heraus, daĂ keine histologische Untersuchung des entnommenen Leberbiopsats vorgesehen war, alles sei an die Hygiene gegangen, ihm sei von einer vorgesehenen AbklĂ€rung, ob es sich bei den Leberherden nicht doch um eine leukĂ€mische Absiedelung handeln könnte, nichts bekannt gegeben worden. Das ganze Biopsat sei am Institut fĂŒr Hygiene, er wisse nicht, ob sich ĂŒberhaupt irgendwo noch eine Gewebeprobe finde lasse, die zur Untersuchung am Institut fĂŒr Pathologie geeignet sei. Die Ărzte aus dem Freundeskreis, die schon vorher kontaktiert worden waren, um die Untersuchung an der Pathologie zu beschleunigen â es war schlieĂlich Wochenende â wurden verstĂ€ndigt, das Zittern begann von neuem.
Am 24. 2. hatte gleichzeitig auch der Internationale AML-Kongress im Klinikum GroĂhadern begonnen, am 25. 2. abends fuhr ich nach MĂŒnchen zurĂŒck. Drei Tag lang, wĂ€hrend des MĂŒnchner Karnevals, versuchte ich die weltweit neuesten ForschungsansĂ€tze auf dem Gebiet der Akuten Myeloischen LeukĂ€mie zu verstehen, wĂ€hrend Leonora weiter an der Innsbrucker Chirurgie stationĂ€r blieb und vor dem Ergebnis ihres operativen Eingriffs zittern musste. Aus den VortrĂ€gen und Diskussionen entnahm ich, wie wenig Hoffnung auch international bez. der Heilung der AML nach wie vor bestand und besteht. Die Psychoonkologin des Knochenmarkstransplantationszentrum, eine österreichische Internistin und Psychologin, riet angesichts der katastrophalen medizinischen Vorgeschichte Leonoras zu einer bloĂen Palliativtherapie mit Bluttransfusionen, dann habe sie vielleicht noch ein gutes Jahr zu leben. Sie selbst wĂŒrde sich einer solchen Tortur (Chemotherapie plus Transplantation) nie unterziehen, die meisten Patienten wĂŒrden ohnehin sterben, auch mein langjĂ€hriger Supervisor, Edmund FrĂŒhmann, 1. 10. 2014, selbst jahrelang an einer Salzburger HĂ€matologie-Abteilung tĂ€tig, erklĂ€rte von sich dasselbe. Mittlerweile wurde an der Pathologie der Innsbrucker Klinik â vermutlich auf persönliche Initiative von Dr. Spizzo â doch ein Biopsat aus Leonoras Leber untersucht, aber der Befund zog sich in die LĂ€nge.
Am 1. MĂ€rz wird Leonora entlassen, sie nennt den Katheter âHickyâ, versorgt Ihre frischen Wunden selbst und lĂ€sst ihre drei SchlĂ€uche kess unter dem Pullover hervorlugen. Es gibt noch immer keinen histologischen Befund, es konnten keine Pilze gezĂŒchtet werden, es scheint auch nach der OP alles beim Alten.
Am 5. MĂ€rz wird Leonora erneut knochenmarkspunktiert, der Wettlauf mit der Zeit ist â noch immer â gewonnen, die LeukĂ€mie ist trotz des nunmehr ĂŒber zwei Monate wĂ€hrenden therapeutischen Zwangsintervalls nicht zurĂŒckgekehrt. Am Dienstag, 6. MĂ€rz, kommt dann das Wunder: Die Leberherde âunklarer Ătiologieâ, welche am 19. Februar noch riesig waren und am 23. Februar von Prof. Margreiter intraoperativ nicht gesehen wurden, waren auch im Ultraschall und CT wirklich deutlich reduziert. Alle insgeheim geĂ€uĂerten Verdachtsmomente â es könnten z. B. nicht die richtigen Stellen aus den Leberherden entnommen worden sein etc. â stellten sich als falsch heraus. Prof. Margreiter hatte recht mit seiner nur mit dem bloĂen Auge durchgefĂŒhrten Diagnose.
Das Wunder, auf das wir alle gehofft hatten, war eingetreten: Waren am Montag die Leber- und Milzherde trotz monatelanger Ambisome-Therapie noch âausgedehnt und progredientâ gewesen, hatte am Mittwoch Doz. Haferlach vom Klinikum GroĂhadern aufgrund der ihm vorgelegten CT-Bilder noch die gleiche Diagnose vom Pilzbefall der Leber gestellt, so waren dieselben Herde, die seit November 2000 bestanden hatten, am Freitag der gleichen Woche ohne ersichtlichen Grund weitgehend verschwunden: Spontanremission.
WĂ€hrend wir noch verzweifelt beim AML-KongreĂ in MĂŒnchen saĂen und ich mir von ForscherInnen aus Deutschland, Holland, Italien, den USA und Israel Informationen fĂŒr eine rescue-therapy einzuholen versuchte, hatten sich Leonoras Leber und Milz von selbst erholt, der Weg fĂŒr die dritte Chemotherapie war frei.
Am 7. MĂ€rz wurden wir zu einem groĂen Konzil aller beteiligten Ărzte bestellt: Prof. Petzer, Prof. Nachbauer, OA Dr. Gunsilius teilten uns mit, dass kein Knochenmarksspender gefunden wurde, aber aufgrund von Leonoras vorderhand konsolidierter internistischer Situation nunmehr der Weg frei sei fĂŒr zwei weitere Chemotherapien mit anschlieĂender autologer Stammzellentransplantation. Wir luden fĂŒr Sonntag, 11. MĂ€rz, Leonoras 20. Geburtstag, spontan Freunde und Angehörige zu einem Geburtstagstreffen am Achensee, um ihr Kraft und UnterstĂŒtzung fĂŒr die folgenden Therapien zu geben. Es kamen 35 Personen.
Am 13. MĂ€rz wurde sie dann wieder an der HĂ€matologie aufgenommen, am 14. 3. begann eine Alexan-Hochdosis-Chemotherapie, die 6 Tage, bis zum 19. 3. dauerte.
Am 16. / 17. 3. findet an der Klinik eine Tagung zur Krebs-Nachsorge statt, das geplante Rehabilitationszentrum der TILAK in Natters wird prĂ€sentiert, in- und auslĂ€ndische Experten, darunter Prof. Gastl und Prof. Söllner diskutieren verschiedene Rehabilitationsmodelle, auch der Verwaltungsdirektor Laimböck, dem Leonora viel verdankt, ist anwesend. Leonora nimmt am ersten Tag, obwohl bereits am 3. Tag der Chemotherapie, noch teil, ab dem 18. 3. ist sie isoliert, die Aplasie dauert vom 19. 3. bis 6. 4. 2001. Diesmal sind die Nebenwirkungen der Chemo wesentlich geringer als bei den ersten beiden Serien: Leonora bekommt zwar eine schlimme Sinusitis, einen Infekt der oberen Atemwege mit Bronchitis und ein Arzneimittelexanthem, was zum Wechsel der antibiotischen Begleittherapie (Fortum, Vanco, Vibromycin) fĂŒhrt, aber ihre Schmerzen sind lange nicht so schlimm wie beim ersten Mal, auch Essen und Trinken funktionieren viel besser. Sie lĂ€sst sich regelmĂ€Ăig das Essen, nach Vorschrift gekocht, von auĂerhalb bringen, macht die unterstĂŒtzenden prophylaktischen BegleitmaĂnahmen wie Mund- und Atemhygiene, lĂ€sst sich massieren. Ihre FĂŒĂe und HĂ€nde fĂ€rben sich rot und schmerzen bei BerĂŒhrung, aber nach zehn Tagen normalisiert die Haut sich wieder. Vor allem: Leber und Milz scheinen das neue Gift zu tolerieren, warum, weiĂ niemand. Es wird weiterhin auch Ambisome gegeben, ein teures antimykotisches Medikament. Die Behandlungskosten wĂ€ren schon ins Unermessliche gestiegen, hĂ€tten wir nicht ein gutes Sozialversicherungssystem in Ăsterreich und wĂ€ren wir nicht versichert. Diesmal steckt sie ihre Mutter, die bis dahin als einzige seit Krankheitsbeginn im September allen Infektionsgefahren getrotzt hatte, mit einer staken ErkĂ€ltung an und muss wĂ€hrend der Aplasie einige Tage auf ihre Besuche verzichten. Leonora leidet an Magenbeschwerden und Bauchschmerzen, am 29. 3. beginnt das Fieber.
Am Sonntag, den 1. April muss Leonora sich wieder hĂ€ufig schwallartig erbrechen, das Fieber steigt, ich entschlieĂe mich zu einem Besuch trotz des Infektionsrisikos. Einen Tag spĂ€ter ist das Fieber gefallen, die Leukozyten steigen wieder, mobilisiert durch Neuprogen-Injektionen zweimal tĂ€glich, âLeuko-Partyâ wird es auf der HĂ€matologischen Station genannt. Es geht Leonora insgesamt wieder gut. Sie verlĂ€sst die Station am 7. April erstmals.
Am Montag, den 9. April wird an der Blutbank der Klinik ein sensationelles Blutbild erstellt: Gefördert durch die vorangegangen Injektionen sind Leonoras Leukozyten auf ĂŒber 25000 angestiegen, und es können vermutlich ausreichend Stammzellen gesammelt werden. Aufgrund des MĂŒnchner AML-Kongresses und des Schnellstudiums der begleitenden Fachliteratur waren wir mit dem Begriff âharvestâ bezĂŒglich der Stammzellengewinnung bestens vertraut und tatsĂ€chlich war uns, insbesondere natĂŒrlich Leonora, nach all dem Leiden nach einer âErnteâ zumute. Der deutsche Terminus âStammzellengewinnungâ oder âSammelnâ von Stammzellen entsprach nicht dem GefĂŒhl der âErnteâ â harvest. Am 9. und 10. April verbringt Leonora jeweils fast fĂŒnf Stunden an einer Maschine an der Blutbank, wo ihr ĂŒber den Hickman-Katheter oberhalb ihres Herzens ihr gesamtes Blut entnommen, in der Maschine zentrifugiert, die Stammzellen herausgefiltert und sodann ĂŒber eine zweite Leitung wieder zugefĂŒhrt wird. Sie ĂŒbersteht die Prozedur ohne besondere Problem, unterhĂ€lt sich freundlich mit dem Personal, das ganz besonders lieb ist. Im Arztbericht wird diese Prozedur lapidar formuliert mit den Worten:
SZ-Apherese am 9. 4. und 10. 4.: ausreichend CD 34 und Z. gesammelt Die Stammzellen werden sofort eingefroren, sie sollen bis zum Ende der 4. Chemotherapie gefroren bleiben.
Am 11. April, einen Tag danach, wird sie entlassen, wir fahren ins Ganzheitsmedizinische Zentrum in Igls, um eine Rehabilitation nach dem Ende der Chemotherapie zu vereinbaren. Als wir nach Hause fahren, teilt mir Leonora mit, dass sie am 14. April, dem Tag meines Geburtstags, in die Toskana fahren möchte und zwar allein mit dem Zug und in Florenz â am Karsamstag â einen Freund treffen und mit ihm und seiner Familie einen österlichen Urlaub im Raum Florenz â Siena â Pisa â Lucca â Montecatini verbringen wolle. FĂŒr mich habe sie als Geschenk einen Kuraufenthalt im Burgenland vorgesehen. Und so geschah es. Wir verbrachten Ostern folgendermaĂen verteilt: Leonora in Pisa, dem Ort, an dem ihr Vater und ich ihren Namen gewĂ€hlt hatten, Manuel in Lissabon und ich in Bad Tatzmannsdorf auf Kur, die mir Leonora geschenkt hatte. Nach ihrer RĂŒckkehr aus der Toskana beginnt Leonora, wieder das ânormaleâ Leben zu erproben: Sie bleibt manchmal allein in ihrer Wohnung, kauft ein, kocht, besucht Freunde und Kollegen in der Umgebung, kĂŒmmert sich um Rechnungen, Reparaturen, Bankangelegenheiten. Das tĂ€gliche Leben und dessen konkrete Anforderungen werden zu einem kostbaren Schatz fĂŒr uns alle. Der Alltag gibt Leonora einen festen Rahmen. Sie geht aus, ins Restaurant, ins Kaffeehaus, in GeschĂ€fte, bummelt durch die Gegend, ist immer in Aktion, sie ist voller Optimismus und Lebensfreude, kann alles essen, was ihr schmeckt, verlangt wieder nach ihrem Lieblingsessen, suhlt sich in einer AtmosphĂ€re von Behaglichkeit. Sie fĂ€hrt selbst mit dem Auto, macht Besuche, EinkĂ€ufe und Erledigungen. Gleichzeitig erwachen ihre Interessen fĂŒr die AuĂenwelt wieder, sie liest politische Artikel, denkt immer wieder ĂŒber die wissenschaftliche Logik ihre Therapie nach. Dr. Spizzo bleibt auch ihr geistiger GesprĂ€chspartner ausserhalb der Klinik. Es taucht die Idee auf, zum Ende der gesamten Therapie auf Schloss Ambras ein kleines Fest zu veranstalten.
Am 25. April wird Leonoras Vater wiederkommen. FĂŒr den 23. April ist Leonoras Wiederaufnahme zur 4. Chemotherapie vorgesehen, es ist kein Bett mehr frei. Wieder anfĂ€ngliche Untersuchungen, wieder stundelange Wartezeiten auf der Station, nĂŒchtern, im Bett liegend oder auf einem Rollstuhl sitzend. Danach das Gerolltwerden durch die unterirdischen GĂ€nge der Klinik, das Warten in den Ărztezimmern der verschiedenen Klinikabteilungen. Leonora kennt mittlerweile fast alle Abteilungen und diagnostischen Einrichtungen der Innsbruck UniversitĂ€tsklinik. âIch bin hier daheimâ, sagt sie. Wenn sie mit dem Auto zu ambulanten Untersuchungen oder Therapien gebracht wird, werden wir meist einfach durchgewinkt, die Pförtner kennen uns. Im Ganzheitsmedizinischen Zentrum Igls wird die geplante Behandlung zur UnterstĂŒtzung der Chemotherapie eingeleitet, Leonora entwirft und verschickt die Einladungen zu dem Fest. Nun kommt es zum letzten Aufenthalt: Nach dem Ende der 4. Chemotherapie sollen Leonoras eigene Stammzellen injiziert â âtransplantiertâ â werden, wenn sie anwachsen, hat Leonora eine groĂe Heilungschance, wenn nicht, dann mĂŒsste Leonora bis zu einem halben Jahr im Isolationszimmer in Aplasie liegen, ihr Knochenmark wĂŒrde sich aus eigener Kraft vielleicht nie mehr ganz nachbilden können. Als Leonora die Nacht vom 23. auf den 24. April am Achensee verbringen muss, hat sie plötzlich Angst vor dem Klinikaufenthalt, Angst vor dem Scheitern. Am 24. geht sie dann aber tapfer in die Klinik, am 25. 4. kommt ihr Vater.
Am 26. 4. wird ihnen mitgeteilt, dass sich nunmehr doch eine Möglichkeit einer allogenen Knochenmarkstransplantation abzeichnen wĂŒrde, eine neuerliche ĂberprĂŒfung habe ergeben, dass eine junge Frau als Spenderin infrage kĂ€me. Eine vierte Chemotherapie sei also ĂŒberflĂŒssig, Leonora solle sich jetzt auf eine baldige Entlassung mit einer nachfolgenden Vorbereitung auf Ganzköperbestrahlung und der anschliessenden Knochenmarkstransplantation einstellen. Ich verstĂ€ndige Gabi Schiessling, um Hilfe zu erhalten. Leonora ist völlig verzweifelt, sie will zuerst die geplante Ănderung der Therapie nicht akzeptieren, nach vielen GesprĂ€chen und Telefonaten willigt sie ein. Es wird ihr von allen Seiten gesagt, dass sie durch eine Knochenmarkstransplantation eine viel gröĂere Heilungschance hĂ€tte, das Immunsystem der Spenderin wird die LeukĂ€mie fĂŒr immer besiegen. Der ĂŒbliche Terminus dafĂŒr lautet âChimĂ€re“, nach dem etruskischen Wahrzeichen von Florenz: einem Fabeltier, das sich aus mehreren Wesen zusammensetzt. Auf ihre direkte Frage erfĂ€hrt sie erstmals, das sie wahrscheinlich unfruchtbar geworden ist, die Ganzkörperbestrahlung wĂŒrde daran nicht viel Ă€ndern, auch die 4. Chemotherapie wĂŒrde sie jedenfalls unfruchtbar machen. Wieder wird die Hormonexpertin Prof. Mocayo kontaktier, die Möglichkeit einer spĂ€teren Implantation einer befruchteten Eizelle taucht auf, in den USA oder GroĂbritannien könnte das gemacht werden. Wir diskutieren auch die Möglichkeit einer Adoption. Leonora ist nunmehr völlig auf die Frage der Mutterschaft konzentriert, spricht viel mit ihrer Mitpatientin darĂŒber, die auch fĂŒr die Transplantation vorgesehen ist. Die Einladung fĂŒr das Fest ist hinfĂ€llig, alle Sommer- und StudienplĂ€ne mĂŒssen geĂ€ndert werden, wir studieren InformationsbroschĂŒren ĂŒber die Nachsorge bei Transplantationen.
Am 27. 4., dem Tag darauf, ergibt sich ein neues Problem: Die Spenderin ist CMV-negativ (Zytomegalie-Virus, der Erreger des Pfeifferâschen DrĂŒsenfiebers), Leonora hingegen CMV-positiv, sie erkrankte in ihrem 2. Lebensjahr an Mononucleosis. Es bestĂŒnde die Gefahr einer Ăberschwemmung mit den aktivierten CMV-Viren, die durch die bei der Knochenmarkstransplantation notwendigen Immunsuppressiva hervorgerufen wĂŒrden. Leonoras Blut wird neuerlich getestet. Am 28. 4. steht dann die Perspektive fest: Die Spenderin kommt nicht in Frage, denn, um die erwartete AbstoĂungsreaktion des Körpers zu vermeiden, mĂŒssten starke Immunsuppressiva verabreicht werden, es bestĂŒnde Lebensgefahr nach der Transplantation und die Wahrscheinlichkeit einer lebenslangen graft-versus-host-reaction mit der LebensqualitĂ€t einer Aids-Patientin.
Am 30. April teilt sie ihrer Mutter telefonisch mit, dass sie eben vom Medizinischen Dekanat zurĂŒckkomme, wo sie sich fĂŒr das Biologie-Rigorosum am 18. Juni angemeldet habe. Es wird nun doch das zuerst geplante Procedere durchgefĂŒhrt, am 2. Mai wird sie wiederum an der HĂ€matologie aufgenommen, die Erhaltungschemotherapie mit Zyklophosphamid und Busulfan soll beginnen, die vorbereitenden Untersuchungen werden durchgefĂŒhrt, der letzte Turnus hebt an. Ihr Vater reist wieder ab. Leonora vertrĂ€gt vorderhand die Chemotherapie ausgezeichnet, sie kann essen und sich in ihrem Zimmer frei verhalten, auch lesen und fernsehen, telefonieren und sprechen wie immer. Sie ist bester Laune, witzelt mit den Besuchern, ihre gute Laune wir in 2 bis 3 Tagen fast manisch, sie zeigt wieder eine leichte PersönlichkeitsverĂ€nderung. Leonora ist zwar immer noch voller Energie, aber gelegentlich laut und fordernd mit dem Pflegepersonal, mit den Besuchen, mit ihrer Mutter insbesondere. Dieses Verhalten ist auf ein antiepileptisches Medikament zurĂŒckzufĂŒhren, das zur PrĂ€vention eventueller epileptischer AnfĂ€lle unter der Chemotherapie gegeben wird. Leonora war auf diese Nebenwirkung nicht vorbereitet und war auch nicht gewarnt worden, sie wurde nun von einer Woge von EntfremdungsgefĂŒhlen ĂŒberschwemmt. Sie begann zu fiebern und ĂŒber schlimme Mundschmerzen zu klagen, am Samstag, dem 5. Mai bot sie plötzlich innerhalb von einigen Minuten das gesamte Bild des Jammers der zweiten Chemotherapie, ihre Kopfhaut wurde dunkelrot. Die psychoaktiven Medikamente bewirkten eine Mobilisierung des KörpergedĂ€chtnisses, die Qualen der schrecklichen Zeit im Mai taten ein Ăbriges, die Erinnerung an den Folterwinter 2000/2001 zu evozieren. Am Samstag, dem 5. Mai, gibt ihr ein Wochenendarzt, der Leonora nicht kannte, die Schmerzpumpe mit Vendal â dem Opiat der 2. Chemotherapie â als Infusion, sie hĂ€ngt wieder am Kaliumperfusor, die SchlĂ€uche fĂŒhren zu ihrem Herzen, das Gift schĂ€digt die Niere, ihre FĂŒĂe schwellen an. Der Arzt lĂ€sst sich nicht ĂŒberzeugen, das Antieleptikum abzusetzen, stattdessen verĂ€ndert das Morphium, das er zu schnell verordnet, Leonoras Persönlichkeit noch mehr, sie verliert den Kontakt mit sich, alles scheint sich zu wiederholen, obwohl die wie immer tĂ€glich frĂŒhmorgens erhobenen Blutbefunde diese BefĂŒrchtung nicht bestĂ€tigen.
Die letzte Krise dauert 48 Stunden, mit zwei schlimmen NĂ€chten, mit erstem Fieber und Schmerzen beim Schlucken, aber als am Montag, dem 7. Mai, der regelmĂ€Ăige Stationsbetrieb wieder aufgenommen wird, wird das antiepileptische Medikament abgesetzt, die Vendal-Pumpe entfernt, der Perfusor beiseite geschoben, und Leonora erholt sich innerhalb von Stunden. Am 8. Mai um 14h wird dann die autologe Stammzellentransplantation vorgenommen: Leonora wird an den Monitor zur Ăberwachung der Herzfrequenz angeschlossen, Sauerstoff steht bereit, Studenten und Pflegepersonal sind anwesend, als Prof. Petzer die zwei Injektionsspritzen mit Leonoras aufgetauten Stammzellen rĂŒckinjiziert, direkt in den Hickam-Venenkatheter hinein. Die beiden Spritzen sehen aus wie Klistiere, die darin enthaltene lebensrettende FlĂŒssigkeit ist rosarot. Leonora verspĂŒrt ein prickelndes GefĂŒhl wie bei einer Kontrastmitteluntersuchung, nach kurzer Zeit ist es ĂŒberstanden, ihr Körper hat die Aufnahme gut toleriert, eine eigentliche AbstoĂungsreaktion war natĂŒrlich nicht zu erwarten. Die ASCT â autologe Stammzellentransplantation â war durchgefĂŒhrt, jetzt galt es zu sehen, ob die Zellen auch den Weg finden und neues Knochenmark bilden wĂŒrden. Am Abend schreibe ich via E-Mail einen Brief an einen ehemaligen LeukĂ€mie-Patienten, Sebastian, der auch mit 19 Jahren erkrankt, in Deutschland und spĂ€ter an einer amerikanischen Krebs-Klinik in Minnesota behandelt worden war und von dessen scheinbar so ermutigendem Schicksal ich Leonora erzĂ€hlt hatte. Am nĂ€chsten Tag antwortet Sebastians Vater und teilt mir mit, dass sein Sohn schon vor Monaten gestorben sei, gibt aber einen Bericht seiner Frau ĂŒber den Gang von Sebastians Krankheit und nennt den Namen mehrerer Forschungseinrichtungen in den USA, Israel und Italien, die nicht am AML-Kongress in MĂŒnchen vertreten gewesen waren. Als ich am 9. Mai die Klinik in Roseville kontaktiere, sehe ich das Bild des Dalai Lama im Internet, der gerade zu dieser Zeit dort einen Vortrag hĂ€lt. Leonora nimmt ĂŒber ihren Laptop in der Klinik Kontakt mit diesen und anderen Forschungsstellen, insbesondere mit dem Weizmann-Institut in Israel auf, bereitet sich vor auf ein spĂ€teres Studiensemester in der israelischen WĂŒste nach Beendigung der Vorklinik. Finanzielle Fragen stellen sich. Nun aber sinken die Leukozyten gegen null, alle Haare sind Leonora wieder ausgefallen, es besteht wieder hohe Infektionsgefahr. Leonora befindet sich wieder im Zimmer 7, dem Einzelzimmer, von dem aus sie ihren Leidensweg begonnen hatte. Sie beginnt mit dem Studium der Biologie, leidet aber an Konzentrationsstörungen, die sie entmutigen. Die Besucher kommen nunmehr nicht so hĂ€ufig wie frĂŒher, es hat auch viele Ănderungen das Zeitplans gegeben, sodass nicht alle Personen rechtzeitig informiert werden konnten. Stolz verbeiĂt Leonora ihr starkes Verlangen nach Kontakt, will ihre BedĂŒrftigkeit den FreundInnen gegenĂŒber nicht zugeben. Sie sieht aber fern, lernt zwischendurch. Wie am Anfang war der Besucherkreis wieder auf wenige Treue beschrĂ€nkt worden. Dabei tut UnterstĂŒtzung nunmehr besonders not, denn von dem Verhalten der injizierten Stammzellen hĂ€ngt Leonoras Zukunft abâŠ. Sie hat einen guten Freund in Dr. Spizzo, mit dem sie sich lange Zeit ĂŒber alle möglichen Perspektiven des Lebens und Lernens unterhĂ€lt, er ist ihr ein starker Halt in diesen Wochen zwischen dem 8. Mai und dem 25. Mai. Zwischendurch fiebert Leonora auf fast 40 Grad: Eine Aktivierung des CMV-Virus hatte nun zum Schluss doch noch die schon wĂ€hrend der ersten und zweiten Chemotherapie so gefĂŒrchtete Pneumonie ausgelöst. Leonora leidet an LungenentzĂŒndung, sie hat ihre prophylaktische Atemgymnastik auch etwas vernachlĂ€ssigt, das antiepileptische Medikament und die verfrĂŒhte Morphiumgabe vom vorvergangen Wochenende, hatten, zusammen mit dem Kontaktmangel, ihre psychische Widerstandkraft unterminiert.
Am Montag, 21. Mai, dann die erlösende Mitteilung: die weiĂen Blutkörperchen steigen wieder, zuerst auf 400, dann am nĂ€chsten Tag springen sie auf 2400, am ĂŒbernĂ€chsten bereits auf 8000. Am Mittwoch, den 23. Mai, teilt Prof. Gastl das Ergebnis mit: âDie Stammzellen sind phantastisch angewachsenâ, Leonora darf sich auf ihre baldige Entlassung vorbereiten. Zu Christi Himmelfahrt, 24. Mai, machen wir mit Leonora einen ersten Ausflug: Sie ist strahlender Laune, ihre Mutter fĂ€llt postwendend in eine mittlere âpostpartumâ-Depression, was Leonoras Stimmung wieder dĂ€mpft: Abends hĂ€lt sie ihr eine kurze Predigt und teilt ihr mit, dass sie nunmehr ihr Leben wieder ganz allein in die Hand zu nehmen gedenke, die Zeit der zweiten Symbiose sei vorbei. Ich akzeptiere. 24. auf 25. Mai verbringt sie die letzte Nacht in der Klinik. Am Freitag, den 25. Mai wird sie entlassen, aufgrund des phantastischen Ergebnisses bei der Stammzellentransplantation ist eine tĂ€gliche Kontrolle an der HĂ€motologie-Ambulanz vorderhand nicht geplant. Leonora kann ein normales Leben fĂŒhren, sie soll groĂe Menschenansammlungen meiden, drei Monate noch darf sie mit Tieren, insbesondere mit Katzen, nicht in BerĂŒhrung kommen. Sie muss auf eine geplante Tibet-Reise verzichten, auch ihre Meerschweinchen in Innsbruck und ihr Pferd in Sintra mĂŒssen warten. Von nun an lĂ€sst Leonora es sich gut gehen, sie plant einen Autokauf, genieĂt das Leben. Sie geht wieder ins Theater, sitzt im CafĂ©, trifft Bekannte, lernt mit Freunden und tanzt in der Disco. Sie fĂŒhrt nach der langen Hospitalisierung ein intensives Leben, versucht, das VersĂ€umte nachzuholen. Ihr Sommer hat begonnen, sie will baden und schwimmen gehen können, sich im Kleid sehen lassen, ohne dass 3 SchlĂ€uche aus ihrem Körper heraus stehen: sie will sich, den schwachen Warnungen der Ărzte zum Trotz, den implantierten Hickman-Katheter wieder herausoperieren lassen. Am Freitag, den 1. Juni lĂ€sst sie sich an der Abteilung fĂŒr Kinderchirurgie bei Prof. Hager aufnehmen, und obwohl eine Explantation eines solchen Katheters zumeist in Vollnarkose durchgefĂŒhrt wird, entscheidet sie sich fĂŒr eine LokalanĂ€sthesie: sie will am Abend wieder tanzen gehen und das traut sie sich nicht nach einem Eingriff in Vollnarkose zu. Wieder ist sie ganz ruhig, spricht mit der Schwester, erkundigt sich nach allem. Sie muss nicht lange warten, ich stehe wieder in der Schleuse vor dem OP wie am 23. Februar. Als sie nach einer guten Stunde herausgebracht wird, ist alles gut gegangen, sie hat ihren âHickyâ zusammengerollt in einem Glas bei sich. Bei der nachfolgenden Visite von Prof. Hager im Zimmer erklĂ€rt er noch den Verlauf der Operation und die â nunmehr vergangenen â möglichen Risken einer Hickman-Implantation: Prof. Margreiter habe aufgrund der Komplikationen durch thrombosierte GefĂ€Ăe die Spitze des Katheters ganz nahe zum Herzen, bis zum Beginn des Vorhofs einfĂŒhren mĂŒssen, aus diesem Grunde habe zwar die Gefahr des Verrutschens des Katheters weniger bestanden, aber aufgrund der HerznĂ€he eine gröĂere Verletzungsgefahr. Als ihm mitgeteilt wird, dass Leonora hĂ€ufig tanzen gegangen war, vermag er das nicht zu glauben.
Gegen Abend schlĂŒpft Leonora aus ihrem Operationsnachthemd, kleidet sich um und beginnt mit den Vorbereitungen auf den Freitagabend. Das Pfingstwochenende verbringt sie allein in ihrer Wohnung mit Studium, Putzen und Kochen. Ihr neues Leben hat nunmehr ganz begonnen. Sie nimmt ihre geplante Rehabilitation im Zentrum Igls auf, will zugunsten eines spĂ€teren Forschungssemesters in Israel auf den Autokauf verzichten, lernt auf die Biologie-PrĂŒfung und freut sich auf den Besuch ihrer australischen Freundin, mit der sie noch vor Ausbruch der Erkrankung im September zusammen war. Die ersten RĂŒckmeldungen der Verwandten, FreundInnen, Ă€lteren und jĂŒngeren Bekannten und HelferInnen fĂŒr den 22. Juni kommen, die Zukunft zeichnet sich ab. Der Alptraum ist vorderhand vorĂŒber.
Am 27. Juli 2001 wird ein Rezidiv festgestellt, sie reist allein nach Portugal um ihre Geschwister, die sie nie besucht hatten, vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Nach einer miĂglĂŒckten KM-Transplantation stirbt sie, beim Sterben begleitet von ihrer Mutter, am 27. September 2001 um 18:27 Uhr.