Parte

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Grabrede, gehalten von Prof. Schrom, Verabschiedung, Haller Friedhof, 2. 10. 2001

Liebe Angehörige,
liebe Freunde und Bekannte von LEONORA!

Manchmal ist zu hören oder zu lesen, wenn ein Mensch gestorben ist: „NICHT TRAUERN WOLLEN WIR, WEIL WIR DICH VERLOREN HABEN, SONDERN UNS FREUEN, WEIL WIR MIT DIR BEISAMMENSEIN DURFTEN!“


Das scheint freilich leichter gesagt als getan zu sein! Zu schwer hat uns der Tod der lieben LEOnora getroffen und zu sehr haben uns die Eindrücke von den Qualen ihrer Krankheit erschüttert, von der sie vor über einem Jahr erfahren hatte.


Dazwischen gab es wohl auch freudige Phasen. Etwa die Zeit, in der es so aussah, als wäre eine unerklärliche Spontanheilung eingetreten. Darum wurde dann im Juni im Schloss Amras ein Genesungsfest gefeiert.


Oder die Zeit, in der LEOnora – nachdem sie leider von einem neuerlichen Ausbruch ihrer Krankheit erfahren hatte – schließlich trotzdem voller Optimismus und Zukunftspläne noch sieben schöne Sommertage in Portugal im Kreise lieber Verwandter verbringen durfte.


Doch diese Zeiten der Freude und Hoffnung lassen möglichweise das, was nun geschehen ist, im Kontrast nur noch tragischer erscheinen.

Daher ist da zunächst einmal nur ein unbeschreibliches Gefühl der Trauer… Und viele von uns mögen sich fragen: Warum bist gerade Du, liebe LEOnora, diesen schweren Weg gegangen?

Kann es darauf überhaupt eine zufriedenstellende Antwort geben? Aber vielleicht läßt uns den tieferen Sinn, der darin verborgen liegt, zumindest eine kleine Geschichte ahnen. Ich habe sie schon vor drei Jahren erzählt, als LEOnora an meinem buddhistischen Religionsunterricht teilnahm.

Ein alter Mönch fragte den Zen-Meister Yün-men:  „WAS FÜR EINE ZEIT IST DAS, WENN DIE BÄUME SICH VERFÄRBEN UND DIE BLÄTTER ZUR ERDE FALLEN?“

Der Meister sprach: „DANN OFFENBART DER GOLDENE WIND SEIN GANZES WESEN!“

Welch eine wunderbare Antwort!!

Sie ging weit über das hinaus, was der Fragende wissen wollte. Nämlich: WARUM IST ALLES VERGÄNGLICH?! Warum etwa müssen wir ALT werden oder KRANK werden und schließlich STERBEN? Gibt es hinter der Welt der Erscheinungen, die uns ständig diesen kosmischen Tanz von Entstehen und Vergehen vorführt, nicht doch etwas Verlässliches, Unveränderliches, das den sogenannten Tod überlebt?

Nun, schauen wir uns an, wie im Herbst die Blätter zur Erde fallen. Alle Jahre färben sich Blätter golden. Dann verlassen sie mit den ersten Herbststürmen die Bäume und tanzen mit dem Wind. Es sind diese wirbelnden Blätter in der Luft, die in der Herbstsonne den WIND GOLDEN färben. Aber nicht nur darin ZEIGT DER GOLDENE WIND SEIN GANZES WESEN. In jedem Daseinsmoment ist der GOLDENE WIND am Werk!

Manchmal freuen wir uns  über einen blühenden Baum und manchmal stimmt uns ein Baum, der die Blätter verliert, traurig.

Doch, ob so oder so, IMMER drückt sich – wie IN ALLEM – NUR EINES aus: das wahre Wesen der EINEN, EINZIGEN WIRKLICHKEIT. Sie hat in verschiedenen Religionen verschiedene Namen.

Oft wird diese LETZTE WIRKLICHKEIT als unerreichbar und fern von uns gedacht. Doch offenbart sie sich uns in jedem Augenblick jeweils als ERSTE WIRKLICHKEIT.

Allerdings sollten wir nicht nur an den äußeren Erscheinungsbildern hängen bleiben.
Wenn wir nämlich aufrichtig üben, tiefer in die Dinge zu schauen, dann geschieht etwas Wundervolles: WIR WERDEN EINS MIT ALLEM, was ist. Wir erkennen, dass es in Wahrheit KEINERLEI TRENNUNG gibt, weil alles mit allem VERBUNDEN ist.

„Außen – Innen“, „Oben – Unten“,… kurzum alle Gegensätze werden erfahren als lediglich 2 Seiten ein und derselben „Münze“, bzw. ein und derselben Wirklichkeit. Dann WERDEN WIR SELBST ZU ALLEM, was es gibt. Wir werden selbst zum GOLDENEN WIND, DER SEIN GANZES WESEN OFFENBART.

Und wer seines tiefsten Wesens gewahr wird, erfährt, dass es letzten Endes GEBURT und TOD nicht gibt, das ist die KERNERFAHRUNG JEDES ECHTEN SPIRITUELLEN WEGES.

STERBEN bedeutet demnach also NUR einen WECHSEL DER FORM.
Wenn ein Mensch seine Kleider wechselt, bleibt er ja der gleiche.
Wenn wir diese Form wechseln, so besteht das weiter, WAS WIR ZUTIEFST SIND,
nämlich: EWIGES LEBEN!

Aus diesem erweiterten Blickwinkel heraus konnte ein spiritueller Meister sagen, kurz bevor er starb und in die Große Verwandlung einging:
„ICH KOMME AUS DEM GLANZ UND KEHRE IN  DEN GLANZ ZURÜCK“

In diesem größeren Zusammenhang betrachtet erscheint wohl auch dein Entwicklungsweg, liebe Leonora, in einem anderen Licht. Die großen Freuden, die du selbst erlebt und anderen bereitet hast, aber auch die Schmerzen, die du mit unvorstellbarer Tapferkeit ertragen hast, es waren Stationen auf einer ganz besonderen, ungewöhnlichen Reise. Und diese Reise geht jetzt wohl in einer anderen Form weiter…

Du hinterläßt nun zwar für uns in der vordergründigen, sichtbaren Erscheinungswelt eine riesige Lücke. Aber in der Welt der wahren, vollständigen Wirklichkeit, aus der nichts und niemand herausfallen kann, da wissen wir dich geborgen und weiter unterwegs…

In dieser Hinsicht ist es auch nur ein scheinbarer Abschied. Denn tatsächlich spüren wir mit jedem liebevollen Gedanken, mit dem wir Dich in der Erinnerung berühren, tiefe Zusammengehörigkeit. Und in diesem Sinn, liebe LEOnora, sage ich Dir im Namen aller, die Dich bis  hierher geleitet haben und weiter begleiten werden: „LEBE WOHL und DANKE FÜR ALLES!“

(Ich möchte nun alle hier einladen, jeweils ein stilles Gebet zu sprechen
oder einfach nur ein stilles Gedenken zu halten.)

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